15. Türchen

Hallöchen 🙂

Heute habe ich wieder eine Geschichte für euch.
Bis morgen 🙂
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Grüne und rote Blätter

„Ich habe diese Nacht von grünen und roten Blättern geträumt, Großvater.“
Keine Ahnung, ob er mich verstand, ob er den Sinn meiner Worte richtig erfassen konnte, aber er lächelte. Er lächelte das erste Mal seit seinem Unfall, der von einem der Okayn verursacht wurde. Ich fasste Mut und mir wurde bewusst, dass er die einzige Person in meinem Leben war, die mir immer ein Ohr zum Zuhören geschenkt hat. Egal, was um uns herum geschah, ich wusste, dass er mir auch diesmal zuhören würde.
„Grüne und rote Blätter, die sich im Wind wiegten und leise ihr Lied sangen. Erst hörte ich nur das sanfte Rauschen des Windes, der durch sie hindurch fuhr, sie zum Tanzen brachte, doch dann vernahm ich ganz leise ihre Stimmen. Ich konnte sie nicht verstehen. Ich stellte mir bloß vor, die Blätter zu fotografieren und das Lichtspiel zwischen ihnen einzufangen, für die Nachwelt festzuhalten. Zusammen mit der grünen und roten Farben der Blätter werden das sicher atemberaubende Fotos ergeben. Es war, als würde mir ein riesiger Brocken von der Brust fallen und ich fühlte mich frei, freier als der Wind. Glücksgefühle durchströmten mich“, ich hielt kurz inne und sah Großvater an. Ganz leicht nur vernahm ich ein Nicken, doch es reichte, um mir Tränen in die Augen zu treiben.
„So hat es sich angefühlt, bevor sie kamen“, stellte ich leise fest, während mir Tränen die Wange herunterliefen und sich ein bitterer Geschmack in meinem Mund ausbreitete. Mein Großvater hatte noch erlebt, wie es sich anfühlte, frei zu sein, jede Entscheidung frei entscheiden zu können. Ohne sich von fremden Wesen herum schubsen zu lassen, die zwar unsere Sprache sprachen, aber unserem Aussehen in keinster Weise ähnelten. Und Großvater trauerte dieser Zeit nach. In seinen Augen lag ebenfalls ein feuchter Schimmer, während er mich erwartungsvoll ansah.
„Dann verschwand die Sonne hinter einer hoch aufgetürmten Wolkendecke und der Wind wurde fordernder, wütender, als wollte er heute noch sein Opfer einfordern. Wieder legte sich diese erdrückende Enge über mein Innerstes und ließ mich leicht zusammenzucken. Es hatte sich wunderbar angefühlt, frei zu sein, doch nun raubte mir die Enge den Atem. Alle Glücksgefühle, die mich bis dahin noch fröhlich gestimmt hatten, verschwanden mit einem Schlag, es war wieder ein ganz normaler Tag, ohne besonderen Glanz und es fing an zu regnen.
Ich wollte mich schon herum drehen und gehen, aber mein Blick wanderte noch einmal zu den bunten Blättern. Sie sangen immer noch und durch das laute Getöse des Windes konnte ich endlich verstehen, was sie sangen. Es war, als würde der Wind ihnen die Energie geben, damit man sie verstehen konnte und die Worte einen Sinn ergaben.

Freiheit ist des Volkes Wille
führ‘ herbei die friedliche Stille
kämpfe um Dein Leben
lern‘ geschickt zu weben
lass dich nicht verbiegen
nur dann wirst Du siegen.

Vorsichtig nahm ich Großvaters Hand und streichelte sie gedankenverloren. Wieder und wieder stellte ich mir dieselben Fragen. Gab es wirklich eine Möglichkeit unsere Unabhängigkeit, unsere Freiheit, zurückzuerlangen? Ich spürte einen leichten Druck von Großvaters Hand und schaute überrascht zu ihm auf. In seinen Augen lagen nun keine Tränen mehr, aber so viel Gefühl, so viel Hoffnung, dass es mir ganz schwer ums Herz wurde.
Ich konnte ihn nicht länger ansehen und wandte mich ab. Sah die kahle, weiße Krankenhauswand an. War ich wirklich ein Mensch, der sich von seinen Träumen leiten ließ? Konnte ich meinen Träumen vertrauen, darauf vertrauen, dass ich es wirklich schaffen könnte, ob ich es überhaupt wagen sollte?
Hatten wir nicht alle schon gesehen, was mit denjenigen geschah, die sich gegen die Okayn und ihre Raumschiffe auflehnten? Ich erinnere mich noch genau an Andrè, der Rebell, der zuletzt mit einem einzigen Fingerschnippen des Anführers der Okayn gestorben war. Vor unseren Augen war nichts anderes als ein Häufchen Asche geblieben, dass von dem nächsten Windstoß davon geweht wurde, hinaus in die Welt.
Für die Okayn war eines unserer Leben nichts wert, sie statuierten daran nur ihre Macht. Ihre Macht, die auf unserer Angst aufbaute.
„Gib die Hoffnung nicht auf“, brach Großvater das Schweigen mit brüchiger Stimme. „Kämpfe für deine Freiheit.“
Da wurde mir bewusst, dass mir keine andere Wahl blieb, als zu kämpfen. Mein Großvater setzte seine Hoffnung auf mich, darauf, dass ich es schaffen würde. Ich dachte wieder an die grünen und roten Blätter aus meinem Traum. Sie waren ein Symbol der Hoffnung, der Freiheit … und ich fasste einen Entschluss.
Wenn ich frei war, waren es die anderen auch.

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